Kettenwachs ist das neue Kettenoel

Was haben ein Kettenöl und ein Döner Kebab gemeinsam? Nichts. Ausser, dass wenn man 20 Leute nach dem besten Produkt fragt, 20 verschiedene Meinungen erhält.

Es gibt unzählige Hersteller von Kettenschmiermitteln, welche wiederum eine Vielzahl an Produkten im Sortiment führen. Diese werden laufend verbessert und es wird dem Radsportler eine immer noch bessere Performance versprochen. Ich gebe es zu, ich verfalle jeweils den Marketingfloskeln und wechsle regelmässig das Schmiermittel. Ich hatte noch fast nie zweimal das gleiche Kettenöl gekauft. Es gibt durchaus Unterschiede, was die Qualität, die Inhaltsstoffe und den Einsatzzweck betrifft, deshalb lohnt es sich, immer wieder mal was Neues auszuprobieren. Nebst den klassischen synthetischen Ölen sind auch solche auf Wachsbasis oder mit Ceramic- und Graphenpartikeln auf dem Markt. Teils zu horrenden Preisen.

Was sich in letzter Zeit immer mehr durchsetzt ist das Kettenwachs. Diesen Sommer hatte ich von Dynamic Bike Care ein paar Produkte zum Testen erhalten. Dynamic hat sich bei den Schmiermitteln auf Wachsprodukte spezialisiert, welche unter anderem mit dem Jumbo-Visma Team entwickelt werden.

Bevor es ins Detail geht, hier die wichtigsten Vor- und Nachteile von Kettenöl und Kettenwachs:

Kettenöl
Vorteile: Einfache Anwendung, schnell aufgetragen, gute Schmiereigenschaften bei allen Bedingungen, günstiger Preis
Nachteile: Bei zu viel Öl oder schlechter Qualität wird die Kette schwarz, Dreck bleibt haften, Antrieb verklumpt

Kettenwachs
Vorteile: Kette bleibt sauber und trocken, Antrieb läuft sehr leise, Langlebigkeit
Nachteile: Schmierung ist zeitaufwendig, oft hoher Preis (relativiert sich aber mit der Langlebigkeit)

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Nachteil Kettenöl: Die Kette wird schwarz und der Dreck bleibt kleben und verklumpt.


Ich war also gespannt auf den Wachstest, denn die letzten Jahre hatte ich die Ketten meiner Fahrräder hauptsächlich geölt. Mit Wachs hatte ich es zwar auch schon versucht, allerdings konnte mich das Resultat nicht überzeugen. Das lag aber weniger am Produkt, rückblickend muss ich sagen, dass ich es nicht richtig angewendet hatte. Denn: Kette wachsen ist nichts für ungeduldige Leute oder für die schnelle Schmierung vor der Tour. Die Anwendung ist zeitaufwendig, bei richtiger Vorgehensweise erhält man dafür ein erstklassiges Ergebnis.

Ich nutzte für meine Testreihe das Dynamic Slick Wax (100 ml, UVP € 12.99). Bevor man loslegt muss der Antrieb und insbesondere die Kette komplett sauber und trocken sein. Am einfachsten ist es wahrscheinlich, wenn man nach einem Kettenwechsel auf Wachs umstellt. Jedes Kettenglied muss von innen und aussen beträufelt werden. Bei ca. 110 Gliedern braucht es also über 200 Tropfen, was etwa 5 Minuten Arbeit bedeutet. Danach muss die Kette mindestens 2-3 Stunden trocknen können (Dynamic empfiehlt, dass dieser Vorgang bei der Erstanwendung nach 2-3 Stunden wiederholt wird). Noch besser sind 24 Stunden Wartezeit, bevor man auf Tour geht, damit die Kette richtig versiegeln kann.

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Tropfen für Tropfen. Wachsen ist zeitaufwendig, aber es lohnt sich!


Den ersten Versuch machte ich mit dem Rennrad. Was mir gleich nach den ersten Metern auffiel, der Antrieb läuft extrem leise. Das Wachs ist geräuschdämmend und das für eine ziemlich lange Zeit. Nach ca. 200 km überprüfte ich die Kette, der Schmierfilm war immer noch vorhanden und alles ist schön sauber geblieben. Für mich eines der wichtigsten Argumente, es gibt nichts ärgerlicheres, als ein dreckiger und verklumpter Antriebsstrang. Mittlerweile hatte ich mehrmals neu gewachst, zwischendurch bin ich auch mal über 400 km gefahren, der Antrieb summte zuverlässig vor sich hin. (Dynamic verspricht übrigens eine Laufleistung von 400-600 km mit einer Schmierung.)

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Über 400 km auf dem Rennrad mit einer Wachspackung. Sieht noch ganz okay aus.


Der erste Test war schon mal vielversprechend, also habe ich das Wachs auch am Mountainbike und Gravelbike ausprobiert. Kann es im Dreck und Schlamm überzeugen? Ja, kann es. Kürzlich fuhr ich das Gravel Race in Bern, 50 km ging es über feuchten Boden und das Bike wurde 2 Stunden lang mit Dreck befeuert. Auch bei nassen Bedingungen haftet das Wachs erstaunlich gut an der Kette, der Schmierfilm reisst nicht ab und der Antrieb funktioniert zuverlässig. Die gleiche Erfahrung machte ich beim Mountainbike. Besonders erfreulich ist, dass der Dreck nicht an der Kette kleben bleibt. Selbst wenn alles rundherum einer Fangopackung gleicht, die Kette behält ihren Glanz.

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Härtetest am Gravel Race in Bern, der gewachste Antrieb lief einwandfrei.

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Wachsen funktioniert auch beim Mountainbike. Trotz viel Dreck bleibt die Kette sauber.


Fazit

Ich habe mittlerweile alle meine Bikes auf Wachs umgestellt und mich vom Öl verabschiedet. Die letzten Monate legte ich Tausende von Kilometern zurück und meine Antriebe bleiben sauber und laufen leise und geschmeidig. Was ich an Zeit für die Schmierung aufwenden muss, kann ich bei der Antriebsreinigung wieder einsparen. Für mich ein Game Changer, Kettenwachs ist das neue Kettenöl!

Informationen

Dynamic Bike Care