Reicht ein Kettenblatt am Rennrad?

In diesem Beitrag geht es um die Frage aller Fragen: Reicht ein Kettenblatt am Rennrad? Was sich beim Mountainbike und Gravelbike dank grosser Kassettenbandbreiten schon längst durchgesetzt hat, ist beim Rennrad erst langsam im Kommen. Dass es funktioniert haben die Profis von mit SRAM ausgestatteten Teams mit einigen Siegen bereits gezeigt. Aber können auch Hobbyradler:innen mit nur 12 Gängen fahren?

Diese Frage musste ich mir auch stellen, da ich mir gerade ein neues Rennrad am Konfigurieren bin. Ich liebäugle mit einem Kettenblatt, so wie ich es am Mountainbike und Gravelbike fahre. Mir gefällt die Einfachheit, die Optik, der geringere Verschleiss und der Gewichtsvorteil daran. Und vielleicht bin ich mit meinen 46 Jahren auch ein wenig schaltfaul geworden...

Um herauszufinden, ob ich mit einem Einfach-Antrieb zurechtkomme, baute ich kurzerhand mein Gravelbike zu einem Rennrad um. Über mehrere Monate habe ich mit verschiedenen Übersetzungen herumgespielt. Als Referenz diente mein in die Jahre gekommenes Moots Rennrad, welches ich mit einer Shimano Dura-Ace 2x11 Gruppe fahre. Da habe ich ein Oldschool-Setup mit 50/36 Kettenblätter und 11-28 Kassette. Der leichteste Gang hat eine Entfaltung von 1.29, das ist ziemlich knackig, wenn es steil wird. Ich suchte daher eine Übersetzung, die leichter ist, denn fitter werde ich mit fortgeschrittenem Alter leider nicht mehr.

P_20240312_200444_1jpgMein Gravelbike wurde temporär zum Rennrad.


Ein Einfach-Antrieb ist aber immer eine Kompromisssache. Wer sich dafür entscheidet muss wissen, wo er fährt und wie der eigene Formstand ist. Denn es fehlt entweder der dicke Gang für die Fläche oder der leichte Gang für die Berge. Für mich war die Ausgangslage klar, ich wohne im hügeligen Zürcher Oberland, welches an die Voralpen angrenzt. Meine Touren beinhalten meist 1000 Höhenmeter und mehr, daher liegt bei mir die Priorität klar beim Hochfahren. Dafür bin ich sowieso gemacht, mit meinem schlanken und leichten Körperbau bin ich ein guter Bergfahrer, aber ein schlechter Roller.

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Eine typische Tour in meiner Heimat.


Als Hilfe für die Wahl der passenden Gänge diente mir die Website von BikeCalc. Dort kann man alle möglichen Übersetzungen und Entfaltungen miteinander vergleichen.

P_20240323_140739jpgNächtelang wälzte ich mich durch die Übersetzungstabelle...


Wie wurde getestet?

Die Testperson: Ich bin 177 cm gross, 68 kg leicht und gut trainiert. Meine Stärken liegen beim Hochfahren, ich liebe lange Anstiege und auch sehr steile Rampen. Auf der Fläche bin ich hingegen schwach, die hohe Kraft, welche ich am Berg entfalten kann, die verpufft beim Flachfahren auf wundersame Weise... Ich trete eine Trittfrequenz um 90-100 U/min auf der Fläche. Beim Hochfahren bevorzuge ich aber eine tiefe Frequenz um 75-85 U/min, es fühlt sich für mich einfach angenehmer an.

Das Testbike: Mein Rocky Mountain Solo C70 Gravelbike habe ich kurzerhand zum Rennrad umgebaut. Ich fahre es bereits sportlich mit einem 100 mm Vorbau und einem klassischen Rennradlenker, daher musste ich nur den Laufradsatz wechseln. Ich durfte einen edlen Zipp 454 NSW ausleihen, welchen ich mit Pirelli P Zero TLR 28 mm und TPU-Schläuchen bestückte. Den Vorbau montierte ich zwecks Aerodynamik 5 mm tiefer. Die Schaltgruppe ist eine SRAM Rival AXS XPLR. Die Kurbellänge ist 170 mm, die Länge hat übrigens einen wesentlichen Einfluss auf die Übersetzung. Fahrfertig wiegt das Bike genau 8,0 kg.

Die Übersetzungen: Da bei mir die Priorität beim Hochfahren liegt, wusste ich schon im Vorfeld, was für Gänge für mich in Frage kommen könnten. Ich wählte zwischen drei verschiedenen Kettenblättern mit 40, 42 und 44 Zähnen und zwei verschiedenen Kassetten mit 10-36 und 10-44 Ritzeln.
Abstufung 10-36: 10-11-12-13-15-17-19-21-24-28-32-36
Abstufung 10-44: 10-11-13-15-17-19-21-24-28-32-38-44

Die Messinstrumente: Um die Auswirkungen der verschiedenen Übersetzungen vergleichen zu können, nutzte ich einen Pulsmesser, einen Trittfrequenzmesser und die SRAM AXS App. Aber keinen Wattmesser. Die nackten Zahlen halfen mir bei der Kontrolle und Auswertung der einzelnen Touren. Schlussendlich vertraute ich aber auf mein Gefühl. Nach über 30 Jahren Radsport habe ich ein sehr feines Gespür für meinen Körper und mein Bike entwickelt, ich bemerke jede kleine Änderung, die ich vornehme. Messwerte hin oder her, man muss sich auf dem Rad wohlfühlen, um die volle Leistung entfalten zu können.

Das Testgelände: Meine Testtouren beinhalteten meinen Arbeitsweg (eine Strecke 25 km/300 hm) und verschieden lange Ausfahrten in und um den Kanton Zürich. Dort gibt es einige längere Anstiege mit bis zu 500 hm am Stück. Und es finden sich auch Rampen mit bis zu 20% Steigung. So steile Dinger fährt man zwar nicht jeden Tag, ich baute sie aber trotzdem in meinen Test ein, einfach um sicher zu sein, dass ich auch dafür einen passenden Gang habe. 

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Das Zürcher Oberland kennt keine Gnade...


Wichtiger Hinweis vorab: Die nachfolgenden Übersetzungsempfehlungen sind für meinen Einsatzzweck und für meinen Formstand gedacht. Gut möglich, dass das für andere Leute überhaupt nicht passt oder der Einfach-Antrieb grundsätzlich nicht geeignet ist.


1. Test - 40T Kettenblatt/10-44T Kassette (1. Gang 0.91)

Gestartet habe ich mit der klassischen Gravel-Übersetzung 40T/10-44T. Dass diese bei mir nicht funktionieren würde wusste ich schon vorab, ich probierte sie aber trotzdem aus, um einen möglichst grossen Vergleich zu haben. Der leichteste Gang hat eine Entfaltung von 0.91, man spricht daher von Untersetzung. Wie mit einem Geländewagen, kann man damit fast senkrechte Strassen hochfahren. Spass beiseite, aber der 1. Gang ist wirklich sehr leicht. Deshalb wählte ich für die eine Testfahrt eine Killerrunde mit zwei 20% Rampen, einer 18% Rampe und zwei längeren Anstiegen. Es war aber nicht steil genug, das 44er Ritzel hatte ich nie gebraucht. In den Abfahrten fehlte hingegen der dicke Gang, ab 55 km/h kurbelte ich ins Leere.

Fazit: Die Übersetzung, welche für das Gravelbike perfekt funktioniert, konnte mich auf der Strasse nicht wirklich überzeugen. Vor allem die leichtesten und die schwersten Gänge konnte ich nicht wie gewünscht nutzen. Beim Hochfahren war der 1. Gang schlicht zu leicht und beim Runterfahren fehlte im 12. Gang die Unterstützung.

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Keine Angst vor steilen Anstiegen mit dieser Übersetzung.


2. Test - 42T Kettenblatt/10-44T Kassette (1. Gang 0.95)

Das Kettenblatt auf 42 Zähne gewechselt und weiter gings. Dabei musste ich die Kurbel um 1 mm nach aussen schieben, da sonst das Blatt an der Kettenstrebe gestreift hätte. Ich fuhr wieder verschiedene Touren mit langen und steilen Anstiegen. Allerdings brauchte ich den 1. Gang immer noch nicht, ich konnte mit dem 38er Ritzel alle Hügel bezwingen. In den Abfahrten drehten die Kurbeln jetzt bis ca. 60 km/h mit.

Fazit: Die ganze Sache fühlte sich mit dem 42er Kettenblatt schon angenehmer an. Das Pedalieren war harmonischer, die Gänge passten nun besser zu meinem Fahrstil. Der 1. Gang war nach wie vor zu leicht, dafür hatte ich im 12. Gang mehr Reserven auf abschüssigen Strassen.

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Bei jedem Umbau benötigte die Kurbel einen anderen Spacer.


3. Test - 44T Kettenblatt/10-44T Kassette (1. Gang 1.0)

Es folgte die berühmte 1:1 Übersetzung (eine Kurbelumdrehung entspricht einer Radumdrehung), damit kommen angeblich alle Radfahrer zurecht. Mit dem 44er Kettenblatt musste ich die Kurbel nochmals um 1 mm nach aussen nehmen und die Kette um ein Glied verlängern, dementsprechend veränderte sich die Kettenlinie. Bei 44:44 läuft die Kette schon ziemlich schräg über die Zähne, das erhöht den Verschleiss und der Antrieb wird lauter. Ich absolvierte wieder einige schöne Touren und eine 20% steile Rampe baute ich auch noch mit ein. Endlich brauchte ich das 44er Ritzel! Den Berg runter ging es auch flott, bis ca. 65 km/h konnte ich Mittreten, das reicht für den Normalfall.

Fazit: Diese Konfiguration gefiel mir am besten. Damit konnte ich alle verfügbaren Gänge nutzen, wenn auch das 44er Ritzel nur selten zum Einsatz kam. Problematisch ist die schräge Kettenlinie, der Verschleiss wird mit diesem Setup sicher grösser.

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Bei 44:44 läuft die Kette ziemlich schräg...


Zwischenfazit

Mit der 10-44 Kassette wurde ich nicht glücklich. Obwohl ich nur 12 Gänge zur Verfügung hatte, konnte ich einige davon nicht sinnvoll nutzen. Im Moment sind meine Beine noch stark genug, dass ich solch leichte Gänge gar nicht benötige. Vielleicht hätte ich es noch mit einem 46T oder 48T Kettenblatt versuchen sollen. Da hätte ich das Blatt aber so weit aussen montieren müssen, dass der Q-Faktor auch drastisch zugenommen hätte. Zu bemängeln sind zudem die grossen Gangsprünge auf den letzten drei Ritzeln. Die jeweils 6 Stufen bei 32-38-44 sind einfach zu viel, um eine gleichbleibende Trittfrequenz beim Schalten halten zu können.

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Egal wie steil und wie lang die Tour war, das 44er Ritzel war überflüssig.

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Höhenmeter sammeln bei jedem Wetter.


4. Test - 44T Kettenblatt/10-36T Kassette (1. Gang 1.22)

Nun ging die ganze Testreihe wieder von vorne los, jetzt aber mit der 10-36 Kassette. Ich fuhr die Kettenblätter in umgekehrter Reihenfolge, damit ich nicht alles aufs Mal umbauen musste. Die Kette kürzte ich um zwei Glieder und das Schaltwerk stellte ich anders ein, damit alles reibungslos funktionierte.

Die erste Tour war gleich eine lange, dank herrlichem Wetter konnten wir mit der Sattelegg den ersten Voralpenpass unter die Räder nehmen. Der Anstieg führt über 12 km und 750 hm, wobei der zweite Teil im Schnitt über 10% steil ist. Ich fuhr mit viel Druck nach oben, die ersten zwei Gänge waren gerade leicht genug, um alles im Sitzen fahren zu können. Die gesamte Tour über 120 km und 1500 hm war ein Genuss und es war die erste richtige Bestätigung, dass ich mit einem Einfach-Antrieb klar kommen würde.

Fazit: Auch mit der kleineren Kassette fühlte sich das 44er Kettenblatt super an. Aber ich muss hier ehrlich zu mir sein, auch wenn es momentan passt, ich benötige für die Zukunft leichtere Gänge. Mit einer Entfaltung von 1.22 hatte ich nur einen unwesentlich leichteren 1. Gang als früher (1.29). Es fehlte genau dieser eine lockere Gang, welchen ich mir für mein neues Rennrad wünsche.

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Perfekte Bedingungen bei der Tour über die Sattelegg.


5. Test - 42T Kettenblatt/10-36T Kassette (1. Gang 1.17)

Jetzt war das 42er Kettenblatt an der Reihe, welches die nötigen Reserven bot, die ich mit dem 44er Blatt nicht hatte. Die Bandbreite der Gänge liess sich gut nutzen, ich war die meiste Zeit genau in der Mitte der Kassette unterwegs, was für einen leisen Antrieb sorgt. Eine 18% Rampe baute ich auch mal noch ein, diese musste ich allerdings im Wiegetritt bezwingen.

Fazit: Kommt gut! Interessanterweise hatte ich bereits nach dem Studieren der Entfaltungstabelle und vor dem praktischen Test gewusst, dass diese Übersetzung wohl am sinnvollsten für meinen Einsatz ist. Der 1. Gang ist leicht genug für steile Strassen und der 12. Gang reicht gerade, um bei 60 km/h noch Mittreten zu können.

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18%, da hilft nur noch der Wiegetritt...


6. Test - 40T Kettenblatt/10-36T Kassette (1. Gang 1.11)

Die Ausfahrten mit dem 40er Kettenblatt wären eigentlich nicht mehr nötig gewesen, ein so kleines Blatt kommt für mich auf der Strasse definitiv nicht in Frage. Ich habe es aber trotzdem montiert, denn ich wollte damit nochmals meine Killertour mit den 20% Rampen fahren. Ich machte auch noch eine ausgedehnte Runde durch den Jura mit 200 km und 2700 hm (Jura heisst Anstiege mit 10%-18%). Und ein Highlight gönnten wir uns über die Pfingsten. Wir verbrachten das verlängerte Wochenende in Bormio, wo wir einige Pässe fuhren und uns die Königsetappe des Giro anschauten. Bei den langen Anstiegen mit 6-10% Steigung erwies sich das 40er Kettenblatt als perfekt. Ich verbrachte die meiste Zeit im 32er Ritzel und hatte immer noch einen leichteren Gang übrig, wenn es mal steiler wurde.

Fazit: Das Hauptproblem am 40er Kettenblatt ist der fehlende Gang, um Speed zu machen. Sobald man in einer Abfahrt noch ein bisschen Mittreten möchte, wirbelt man ins Leere. Man sieht es auch in der Grafik weiter unten, ich verbrachte viel mehr Zeit im strengsten Gang, als bei den anderen Übersetzungen. Aber für eine lange Tour mit vielen Höhenmetern ist es sicher eine Überlegung wert, immerhin sind die Gänge leicht genug.

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Der Gavia Pass an Pfingsten 2024. Ein unvergessliches Erlebnis!


Zwischenfazit

Wer die 10-36 Kassette wählt braucht starke Beine, denn der ganz leichte Gang fehlt hier. Für mich stimmte es aber, ich konnte die ganze Bandbreite sinnvoll nutzen, auch wenn nicht jedes Kettenblatt gleich gut funktionierte. Mein Favorit ist die Kombination mit dem 42T Blatt. Damit kann ich mich im mittleren Bereich der Kassette bewegen, für meine meist hügeligen Touren ist das optimal. 

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Alle Gänge einigermassen gleichmässig verwendet mit 10-36T.

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Um nichts dem Zufall zu überlassen gab es auch sehr lange Ausfahrten.


Fazit

Um die Frage im Titel dieses Beitrags zu beantworten: Nein, ein Kettenblatt reicht nicht. Zumindest nicht für Leute, die in abwechslungsreichem Gelände unterwegs sind. 12 Gänge sind zu wenig, wenn man sich für jede Situation die perfekte Übersetzung wünscht. Ein Einfach-Antrieb ist und bleibt eine Kompromisssache. Man braucht einen leichten Gang, um bis zu 20% steile Rampen bezwingen zu können und man wünscht sich einen schweren Gang, um Bergab bei 70 km/h noch Speed zu machen. Dieser Spagat ist aber nicht zu schaffen.

Dennoch habe ich mich für den Einfach-Antrieb entschieden und mir die neue SRAM Red Gruppe bestellt mit 42T Kettenblatt und 10-36T Kassette. Mir gefällt, trotz nicht immer passenden Gängen, das Setup mit nur einem Kettenblatt und ich habe meinen Fahrstil schnell darauf einstellen können. Vielleicht will ich mich auf einfach von der breiten Masse abheben und ein Rennrad bzw. eine Konfiguration fahren, die man nicht alle Tage sieht. Falls mir der Antrieb irgendwann nicht mehr passt, kann ich problemlos einen Umwerfer und eine Zweifach-Kettenblattgarnitur nachrüsten.

Voll überzeugt hat mich das kinderleichte Schalten. Es fährt sich einiges entspannter, wenn man sich nur um die hinteren Gänge kümmern muss. Ein Verschalten, und ein daraus resultierender Kettenklemmer, ist eigentlich unmöglich. Aufgefallen ist mir das, als ich nach einigen Wochen wieder mal auf mein altes Rennrad mit mechanischer Schaltung wechselte. Gefühlt war ich nur damit beschäftigt zu Kontrollieren, dass die Kette nicht zu schräg läuft oder am Leichtblech schleift. Mit einer elektronischen Schaltung ist das kein Thema, mit der mechanischen Schaltung fand ich das auf einmal voll nervig.

Die Wartung wird einfacher und günstiger, ohne Umwerfer und zwei Kettenblätter fallen zwei teure Teile weg. Wer schon mal einen Umwerfer einstellen musste, weiss, dass das durchaus kompliziert sein kann. Die ganze Arbeit ist schneller erledigt und man muss bei Verschleiss nur ein neues Kettenblatt kaufen.

Erwähnenswert ist auch der Gewichtsvorteil von ca. 200 Gramm ohne Umwerfer und zweites Kettenblatt.

Und optisch finde ich den Einfach-Antrieb richtig sexy!

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42T Kettenblatt und 10-36T Kassette sind für mich am besten geeignet.


Weitere Erkenntnisse

Bei diesem Test habe ich nicht nur viel über verschiedene Übersetzungen gelernt, es gab auch weitere interessante Erkenntnisse.

Gravelbike wird zum Rennrad: Mein Rocky Mountain Solo macht nicht nur im Gelände Spass, es eignet sich auch hervorragend als Rennrad. Ich habe mich von der ersten Minute an wohl darauf gefühlt, selbst bei stundenlangen Ausfahrten hatte ich keinerlei Beschwerden. Das Handling ist auch auf der Strasse sehr spritzig und der Vortrieb ist exzellent. Es kam mir mehrmals der Gedanke, warum ich mir eigentlich für sündhaft viel Geld ein neues Rennrad kaufen möchte, wenn doch ein Gravelbike den Zweck ebenfalls erfüllt. Für Gravelbiker:innen, die gerne mal einen Abstecher auf die Strasse machen, ist ein zweiter (hochwertiger) Laufradsatz mit Rennradreifen sicherlich eine Überlegung wert. Die Abstriche sind klein, die man gegenüber einem reinrassigen Rennrad machen muss.

Scheibenbremsen: Darüber muss man im Jahr 2024 eigentlich kein Wort mehr verlieren, ich mache es aber trotzdem noch kurz. Ich fuhr die letzten 25 Jahre Rennräder mit Felgenbremsen und Mountainbikes mit Scheibenbremsen. Es war daher nicht verwunderlich, dass mich die Scheibenbremse auch auf meinem "Gravelrennrad" voll überzeugt hat. Dank mehr Bremskraft bei allen Bedingungen, besserer Dosierbarkeit, geringerer Bedienkraft und weniger Wartungsaufwand, ist sie der Felgenbremse in allen Punkten überlegen.

Hohe Felgen: Es war das erste Mal, dass ich mit so hohen Felgen unterwegs war. Die Zipp 454 NSW sind 58 mm hoch und der Satz wiegt 1450 g. Damit geht es zügig vorwärts, die Laufräder sind schön steif, was sich vor allem im Wiegetritt beim Hochfahren positiv bemerkbar macht. Allerdings hat diese Höhe auch einen Nachteil, bei Seitenwind werden die Räder unberechenbar. Die Angriffsfläche ist gross genug, dass man in schnellen Abfahrten den Lenker richtig gut halten muss, um nicht aus der Spur zu fliegen. Die 454 NSW sind cool, aber für mich zu wenig alltagstauglich. Deshalb habe ich bereits entschieden, ich werde auf meinem neuen Rennrad die 40 mm hohen Zipp 303 Firecrest fahren.

Tiefer Reifendruck: Nochmals eine neue Erfahrung, noch nie bin ich auf der Strasse mit nur 5 bar Luftdruck gefahren. Bei meinem Moots pumpe ich auf 6,5 bar (früher waren es sogar 8 bar) mit 24 mm Reifen. Die 454 NSW haben hookless Felgen, welche man mit maximal 5 bar und mindestens 28 mm breiten TLR-Reifen fahren muss. Ich bin die Felgen mit Pirelli SmarTube TPU-Schläuchen und nicht Tubeless gefahren. Der tiefe Reifendruck machte sich nicht negativ bemerkbar, im Gegenteil, man kann damit sehr schnell fahren. Die Vibrationen von grobem Strassenbelag spürt man weniger und das Vertrauen in die Traktion nimmt dank den breiten Reifen zu.

Trittfrequenz in der Gruppe: Was man bei der Wahl der Übersetzung nicht ausser Acht lassen sollte ist das Fahren in der Gruppe. Seit langer Zeit hatte ich wieder mal einen Trittfrequenzmesser montiert und ich staunte, dass ich alleine eine ganz andere Kadenz fahre, als wenn ich mit Kollegen:innen zusammen fahre. Man nimmt automatisch den Rhythmus der anderen an. Das ist auch gut so, denn niemand mag Leute, die ständig die Gruppe sprengen, weil sie zu schnell oder zu langsam fahren. Bei der Trittfrequenz war ich meistens 5-10 Umdrehungen langsamer unterwegs, als wenn ich alleine fahre. Wer also oft in der Gruppe fährt, der muss unter Umständen eine leichtere Übersetzung wählen, um die Gänge sinnvoll nutzen zu können.

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