Wenn die Mountainbike Lenker zu breit werden

Die Lenker an den heutigen Mountainbikes werden immer breiter. Zum Glück müssen wir nicht mehr mit diesen schmalen Zahnstochern rumfahren, wie wir es noch vor nicht allzu langer Zeit taten. Die Bikes werden ständig weiterentwickelt und unter anderem werden auch die Lenker den neuen Geometrien angepasst. Ein breiter Lenker bringt dem Fahrer mehr Kontrolle, Stabilität und Kurvendruck. Aktuelle Lenker bewegen sich zwischen 700 mm bis 820 mm, je nach dem, ob es sich um eine Cross Country Feile oder um einen Downhill Hobel handelt. 

Aber gewisse Hersteller meinen es fast zu gut und verbauen Rohre, die für die meisten Personen schlicht zu breit sind. Darum lohnt es sich, sich mit dem Thema Lenkerbreite gründlich auseinanderzusetzen. Die Lenkerbreite und die Anordnung des Cockpits zählen zu den wichtigsten Einstellungen am Mountainbike. Je nach Körperbau, Fahrstil und Einsatzgebiet müssen daher Anpassungen vorgenommen werden.


Zu breite Lenker sind problematisch

An meinen Fahrtechnikkursen sehe ich immer öfters Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die zu breite Lenker fahren und so das Potenzial von ihrem Bike deswegen nicht ausschöpfen können. Der Lenker wird einfach so gefahren, wie er mit dem Bike geliefert wurde und man macht sich gar keine Gedanken, ob man allenfalls etwas ändern müsste. Man muss hier auch die Bikeshops in die Mangel nehmen, es wäre auch deren Aufgabe, bei einem Bikekauf den Lenker gleich noch auf die richtige Breite zu kürzen oder in seltenen Fällen ein breiteres Modell zu verbauen.

Das Problem dabei ist, dass die Hersteller nicht unterscheiden, wer am Schluss auf dem Bike sitzt. Egal ob Frau oder Mann, gemütlicher oder aggressiver Fahrer, klein oder gross - der Lenker ist ein Standardteil, das immer in der gleichen Breite verbaut wird (irgendwie verständlich, bei Tausenden von Stückzahlen spart man als Hersteller viel Geld, wenn man nur einen Lenker pro Bikemodell einkaufen muss).

Das Resultat ist, dass man jetzt immer mehr Bikerinnen und Biker sieht, die wie die Schimpansen auf ihren Mountainbikes hängen...

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Zu breit oder zu schmal, das ist hier die Frage...


Was ist die optimale Lenkerbreite?

Die Frage nach der optimalen Lenkerbreite ist nicht ganz einfach zu beantworten. Eine allgemeine Angabe in Zentimetern ist auch nicht möglich. Die persönlichen Vorlieben, Fahrtechnik und Einsatzgebiet spielen eine wichtige Rolle. Generell kann gesagt werden, Downhiller und Enduro-Piloten gehen eher breiter, Cross Country und Tourenfahrer eher schmaler. Ebenso gilt es den Körperbau zu berücksichtigen, breite Schultern gleich breiter Lenker, schmale Schultern gleich schmaler Lenker. Wobei heutzutage nicht mehr weniger als 700 mm Lenkerbreite gefahren werden sollte.

Was auch helfen kann ist der Wechsel vom Vorbau. Generell gilt die Regel: Je breiter der Lenker, desto kürzer sollte der Vorbau sein. Es ist also durchaus einen Versuch wert, mal einen 10 mm kürzeren Vorbau zu montieren bei gleicher Lenkerbreite. Das Fahrverhalten und die Position werden sich schon ganz anders anfühlen.

Ob dein Lenker allenfalls zu breit ist, kannst du wie folgt prüfen:

  • Beim Runterfahren hältst du den Lenker nicht ganz aussen, und am Lenkerende stehen jeweils 1-2 cm vom Griff hervor.
  • Beim Hochfahren hast du die Arme so weit auseinander gestreckt, dass die Körperposition unbequem ist und dir das Atmen fast schon schwer fällt.
  • Bei engen Kurven hast du das Gefühl, dass du den Lenker nicht voll drehen und das Vorderrad nicht ganz einschlagen kannst.
  • Beim schnellen Kurven rutscht dir das Vorderrad weg (Untersteuern) und du bringst nicht genügend Druck vorne auf den Lenker.
Ich persönlich fahre auf meinem Trail-Bike, bei 1.77 Meter Grösse und schmalem Körperbau, eine Lenkerbreite von 750 mm. Zwischen 720 mm und 780 mm probierte ich alles aus und mit 750 mm habe ich für mich die perfekte Breite gefunden. Kommt noch hinzu, dass ich mich so auf meinen Heimtrails in der Toscana ohne Probleme durch die engen Bäume schlängeln kann.

Wenn Rennbikes unter die Lupe genommen werden, dann sieht man, dass die meisten Downhiller eine Lenkerbreite zwischen 760-780 mm wählen. Enduro-Racer gehen sogar noch schmaler, dort wird oft nur 740-760 mm gefahren. Olympiasieger Nino Schurter hatte bei seiner Gold-Fahrt in Rio einen 680 mm Lenker montiert. Fazit: Es gibt nur wenige Menschen auf dieser Welt, die wirklich einen 800er Lenker fahren müssen.

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Ich habe mit 750 mm die optimale Lenkerbreite gefunden. (Foto: spitznagel.ch)


Den Lenker richtig kürzen

inen Lenker kürzen ist keine grosse Sache und in wenigen Minuten erledigt. Entweder geht man zum Fachmann, oder mit handwerklichem Geschick und dem richtigen Werkzeug kann man es auch selber zu Hause machen. Altes Handwerker Sprichwort: "Zweimal gekürzt und immer noch zu kurz..." Unbedingt mit kleinen Schritten beginnen und mal für mal nur 1 cm auf beiden Seiten abnehmen. Nach jedem Kürzen sollte man wieder auf eine ausgiebige Probefahrt gehen und schauen, ob es jetzt schon passt.

Alu-Lenker können entweder mit einem Rohrschneider oder einer Eisensäge abgeschnitten werden. Die meisten Lenker haben extra Markierungen, damit man ohne Nachmessen sofort weiss, wie viel man wegnimmt. Falls man den Lenker in einen Schraubstock einspannt, die Stelle klemmen, die man absägt. Dann natürlich gerade sägen und am Schluss mit einer Feile alles sauber entgraten.

Bei Carbon-Lenkern ist Vorsicht geboten! Einige Lenker dürfen gar nicht gekürzt werden, da sie sonst nicht mehr stabil sind oder die Klemmungen von Brems- und Schalthebeln am falschen Ort sind (unbedingt die Herstelleranweisungen befolgen). Für Carbon gibt es spezielle Sägeblätter, die ein Ausfranzen verhindern. Auch hier gilt, den Lenker nicht zu fest im Schraubstock einspannen und nur die Stelle klemmen, die man absägt. Je nach Carbonfasern kann ein bisschen Sekundenkleber auf die Schnittstelle aufgetragen werden, um das ganze zu versiegeln.

Zum Schluss alle Hebel und Schalter in die neue Position bringen (normalerweise so viel cm reinschieben, wie man cm abgeschnitten hat) und Lenkergriffe wieder montieren. Fertig!

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Verschiedene Sägeblätter oder ein Rohrschneider braucht es zum Lenkerkürzen.

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Sauber gekürzt und entgratet.

Mittlerweile hat sich auch das Onlineportal Pinkbike dem Thema Lenkerbreite angenommen. Und siehe da, auch sie fanden heraus, dass die meisten Mountainbiker zu breite Lenker fahren.

Im März 2020 habe ich mir einen neuen Race Face Turbine R Lenker montiert, der in 800 mm Breite kommt. Dass ich nicht so breit fahre, war mir sowieso klar und darum kürzte ich ihn auf 77 cm. Das ist mein Jahrgang und ich dachte deshalb, das ist eine coole Zahl für eine Lenkerbreite. Nach einigen Wochen und vielen Ausfahrten musste ich das Experiment allerdings abbrechen, denn ich fühlte mich nie wirklich wohl. Ich kürzte den Lenker wieder auf meine bewährten 75 cm.

Die Gründe für meine Entscheidung sind folgende:

In schnellen und flüssigen Abfahrten waren die 770 mm voll okay und ich schoss kontrolliert den Hügel runter. Sobald die Trails allerdings eng wurden oder Bäume im Weg standen, störte mich der grosse Hebel, den ich bewegen musste und dass ich manchmal mit den Ellenbogen an den Hindernissen streifte. Dieses Abschätzen und Zielen, ob es wohl durch Äste und Felsen reicht, verunsicherte mich und unter dem Strich war ich langsamer unterwegs.

Wo mich der breite Lenker aber noch mehr störte war beim Hochfahren. Ich gehöre noch zu diesen Bikern, die gerne schnell den Berg rauffahren und mit einem solch breiten Lenker hatte ich irgendwie Mühe mit meiner Atmung. Ich ertappte mich, dass ich den Lenker weiter innen hielt und mir eine bequemere Position suchte. Wenn das passiert, dann sollten die Alarmglocken läuten! Sobald man versucht, sich auf dem Mountainbike in eine angenehme Stellung zu zwingen, vor allem über mehrere Wochen, dann stimmt etwas nicht. Hier kann man auf sein Bauchgefühl hören, was sich gut anfühlt, ist normalerweise richtig.

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77 cm waren ein Versuch... Ich bleibe aber weiterhin bei 75 cm.


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